FolkWorld #68 03/2019

CD Rezensionen

Sheevon "ThirtyFive - live"
Errigal Records 2018

http://www.sheevon.com

Es muss nun mehr als 20 Jahre her sein, dass ich Sheevon das letzte Mal gesehen habe, in einem ihrer Duisburger Konzerte. Seitdem hatte ich nichts mehr von dieser Irish Folk Band gehört. Deswegen war es eine erfreuliche Überraschung, nun mit dieser neuen CD zu hören, dass es Sheevon noch immer gibt - und dass sie immer noch überzeugen mit ihrer authentischen irischen Musik.
Zu Ihrem 35. Geburtstag hat die Band ein Live-Album eingespielt, mit zumeist zuvor unveröffentlichten Stücken. Sheevon zeigen, dass die sechs Musiker immer noch zur Creme de la Creme der irischen Folkszene Deutschlands zählen - mit ihrem vollen traditionell-irischen Klang und gutem Zusammenspiel von Geige, Flöte, Keyboards, Bass, Gitarre und Bodhran/cajon. Neben Instrumentalstücken gibt es auch ein paar attraktive Lieder. Während die Stücke zumeist aus irischer Tradition stammen, gibt es doch ein paar Überraschungen - so mündet das erste Instrumentalset ohne Probleme in eine Instrumentalversion des Beatles-Klassikers „Eleanor rigby“, und die zwei Bonusstücke gesungen von Claus de Crau sind doch unerwartet/ Here’s to the next 35 years!
© Michael Moll


Roger Stein "Alles vor dem Aber"
Sturm & Klang, 2018

www.rogerstein.de

Artist Video

Nach dem ersten Hören dieses Albums dachte ich „naja“, aber nach wiederholten Hörens sagen mir Roger Steins Lieder doch sehr zu. Und da nach Roger Stein Lieder „Alles vor dem Aber“ egal ist, sehen wir, dass das „naja“ nicht zählt.
Dies ist, nach einem Debüt in 2013, das zweite Album des Schweizer Liedermachers. Die (Hochdeutschen) Lieder sind poetisch und haben oft recht viel Tiefe. Einiges sind einfach wunderschöne Balladen - wie „Septemberwinde“ oder „So viele Überalls“, andere haben tiefgründigere Texte wie „Woran man Glück misst“. Nun hat Roger Stein auch eine kabarettistische Seite, die bei wieder anderen Liedern hervorkommt, wie dem alternativem Hochzeitslied (in dem er dem Brautpaar rät, nicht Ja zu sagen). Die Musik ist oft um ein Klavier arrangiert, mit Gitarren und Drums dabei. Einer der guten deutschsprachigen Liedermacher - ohne aber.
© Michael Moll


Yonder "Beyond Borders"
Hey!Band, 2018

www.yonder-online.de

Abwechslungsreich und musikalisch grenzüberschreitend ist die Musik dieses norddeutschen Quartetts. Virtuos und vielschichtig spielen bei Yonder Akkordion, Geige, Kontrabass und Gitarre zusammen. Dabei nehmen die Musiker uns auf eine musikalische Reise quer durch Europa – vom Balkan in die Bretagne, von einer italienischen Tarantella zu einem irischen Reel, von Bulgarien nach Schweden, die Reise geht immer weiter. Doch irgendwo merkt man gar nicht, dass man weiterreist – Yonder schaffen es, dass die Musik nie fremd nebeneinandersteht – der Klang ist abwechslungsreich, aber doch erstaunlich verwandt. Neben traditionellen Stücken gibt es auch einige Melodien, die von Yonders Geigerin, Angelika Rusche-Göllnitz, komponiert wurden. Für die Balkan-Stücke haben Yonder einen Experten dabei – kommt doch Akkordionist Nenad Nikolic aus Serbien. Eine sehr ansprechende Sammlung europäischer Folkmusik.
© Michael Moll


Sarah-Jane Summers "Owerset"
Eighth Nerve Audio, 2019

Artist Video www.sarah-jane
summers.com

English CD Review

Die schottische Geigerin Sarah-Jane Summers hat ihr Handwerk von dem verstorbenen, großartigen Donald Riddell (1908-1992; er unterrichtete auch Duncan Chisholm, Bruce MacGregor und Iain MacFarlane) erlernt. Sie war Mitbegründerin des experimentellen Geigenquartetts Rant[53] und nahm Alben sowohl solo[65] als auch im Duo mit ihrem Ehemann, dem finnischen Gitarristen Juhani Silvola, auf.[61] Sarah-Jane ist seit einem Jahrzehnt in Oslo ansässig und hat einen Master-Abschluss in traditioneller Musik und freier Improvisation von der Norwegian State Academy of Music erworben. Ihr neuestes Album "Owerset" ist das Ergebnis eines für das Celtic Connections-Festival verfassten Auftragswerkes, das sowohl keltische als auch nordische Traditionen aufgreift, die sie mit Jazz und zeitgenössischer Musik neu kombiniert. Sie hat dazu fantastische Folk- und Jazzmusiker aus Großbritannien und Norwegen beschäftigt; verzerrte E-Gitarre und festliche Trompete sind nur das I-Tüpfelchen in einer Aufeinanderfolge von Melodien, die von anmutigen Weisen zu vibrierender Cèilidh-Musik und wieder zurück zu unergründlichen Klanglandschaften führen.
Um kurz den historischen Hintergrund etwas auszufüllen: Im 8. und 9. Jahrhundert fielen die skandinavischen Wikinger auf den Hebriden ein und behielten die Kontrolle bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. Die verbleibenden Nordmänner wurden gälisiert, ihr kultureller Einfluss ist jedoch in vielen Ortsnamen sowie in verschiedenen schottischen und gälischen Wörtern erhalten, die der alten nordischen Sprache entstammen. So haben die Stücke von Sarah-Jane Titel, die sich auf beide Sprachen beziehen. Zum Beispiel ist Owerset schottisch für Übersetzen; das klingt ja auch ähnlich (oder?) und natürlich sind die skandinavischen Sprachen mit dem Deutschen verwandt. Flit ist von flytja abgeleitet (wir haben das Wort Flitzen) und Rowk stammt von Røyk (Rauch). Viele schottische Straßen heißen - fälschlicherweise auf den ersten Blick - Gate, obwohl es dort nie ein Tor gab; der nordische Begriff ist jedoch Gata (Gasse). Schlussendlich ist das Wort Fitakaleerie nicht nordischen Ursprungs, sondern es impliziert gemäß dem Dictionary of the Scots Language einen Tanz, der in sitzender Haltung mit einem Bierkrug in der Hand ausgeführt wird (fit = Füße). :-)
Sarah-Jane hat angekündigt, noch 2019 eine Sammlung ihrer Kompositionen zu veröffentlichen.
© Walkin' T:-)M


Eabhal "This is How the Ladies Dance"
Eigenverlag, 2019

Artist Video www.eab
hal.com

English CD Review

Die junge Band Eabhal von der schottischen Insel South Uist auf den Äußerden Hebriden war vergangenes Jahr als Up & Coming Artist bei den Scot Trad Music Awards nominiert (verlor allerdings knapp und unverdientermaßen gegen das Folk-Trio Assynt). Eabhals Line-Up besteht aus Megan MacDonald (Piano-Akkordeon), Jamie MacDonald (Geige), Hamish Hepburn (Dudelsack, Flöte), Nicky Kirk (Gitarre und Gastarbeiter aus Northumberland) sowie Kaitlin Ross (Gesang, Gitarre). Auf ihrem Debütalbum kombinieren sie Pipe- und Fiddle-Melodien mit gälischen Balladen und Mouth Music. Hervorzuheben sind die kompositorischen Fähigkeiten von Jamie MacDonald, der bereits mit einer gemeinsamen CD mit Piper Christian Gamauf auf sich aufmerksam gemacht hat ("The Pipe Slang", 2018). Das titelgebende Set des Albums, "This is How the Ladies Dance", ist ein großartig arrangiertes und gespieltes Medley-Feuerwerk populärer Melodien von der schottischen Westküste. Eabhal schaut aber auch neugierig über den Tellerrand - nach Irland ("Lads of Laois"), Französisch-Kanada ("Fleur de Mandragore") und mit einer Komposition von Jamie sogar ins österreichische Burgenland ("Trip to Loipersbach"). Der Glasgower Trad-Jazz-Fusionist Hamish Napier[68] ist für einen zerbrechlich klingenden Strathspey im 3/4-Takt verantwortlich ("Windsong"). Eabhal händeln dies mit allergrößter Sorgfalt. Genauso die vokalen Beiträge; so ist "Cait I nGarráin a Bhile" eine ergreifende irische Ballade, abgehört von Nuala Kennedy.[33] Die typisch-schottische waulking und mouth music hingegen wird von Sängerin Kaitlin Ross mit viel Schwung und Begeisterung hingeschmettert. Eabhals Klanglandschaften sind dabei auf der Höhe der Zeit - rein akustisch, aber dynamisch, treibend und in alle Richtungen Funken sprühend.
© Walkin' T:-)M


"Breakfast with the Craic Addicts"
Eigenverlag, 2018

Artist Video thecraicaddicts.
bandcamp.com

Article: A Happy Balance Between Extremes

English CD Review

Die Craic Addicts aus Sligo im Nordwesten Irlands haben ein halbes Jahrzehnt lang ihre Finger im Spiel. Die ursprüngliche Besetzung bestand aus Sarah Jane Barry (Flöte), Fiachra Cunningham (Gitarre, Geige) und Peter Crann (Perkussion). Kurz darauf schloss sich Fionnuala Kennedy (Mandoline, fünf-saitiges Banjo) dem Team an, und die österreichische Fiedlerin Claudia Schwab[56] und Ray Coen (E-Bass) ersetzten Fiachra bzw. Sarah. Bisher haben sie sich noch keinen internationalen Namen gemacht, hatten aber während der gesamten fünf Jahre eine regelmäßige Show in der Swagman Bar in Sligo (www.swagman.ie). Während dieser Zeit haben sie ein umfangreiches Repertoire aufgebaut. Es stellte sich zudem bald heraus, dass sie musikalisch etwas andersartiges zu sagen hatten. Sie entwickelten ein eigenes Musikgenre, das sie selbst als "funked-up Trad & folked-up Pop" bezeichnen. Das bedeutet, dass jemand ein Musikstück vorschlägt - nicht unbedingt eine irische Tanzmelodie oder eine irische Ballade, es könnte auch ein alter Popsong sein - und die Jungs und Mädels stellen es auf den Kopf und drehen es durch den Fleischwolf.
Letztendlich haben sie beschlossen, einige ihrer Lieblingsstücke auf einem Album festzuhalten. Bitte schön! Hier gibt es ein reichhaltiges Frühstück mit 12 abwechslungsreichen und leckeren Gerichten. Da sind traditionelle Songs wie "My Lagan Love" und "The Saucy Sailor" (in der Tat erinnert mich eine ganze Menge an Steeleye Span auf Crack!). Was die Instrumentalmusik anbelangt, treffen sich etwa der traditionelle "Jim Ward's Jig", Maurice Lennons "Golden Stud"-Reel und der Old-Time-Breakdown "Elzic's Farewell" mit dem traditionellen mazedonischen "Sto Imala Ksmet Stamena" und dem Charthit "Rock Me Amadeus" der verstorbenen österreichischen Pop/Rap-Ikone Falco aus dem Jahre 1985. (Letzteres wird mit dem Reel "Jenny's Chickens" abgerundet. Aber war der Name des Mädchens nicht Jeanny? Oh, nee, das war was anderes!)
© Walkin' T:-)M


Cúig "The Theory of Chaos"
Eigenverlag, 2018

Artist Video Artist Video www.cuig
music.com

English CD Review

Schaut man sich das aktuelle Video an, könnte man die Botschaft etwa so zusammenfassen: Ein paar Halbstarke sitzen im Pub und spielen traditionelle Weisen. Plötzlich legen sie ihre Aran-Pullover ab und machen in trendigen Jugend-Outfits weiter. Ich würde mich nicht wundern, wenn demnächst anstatt Guinness modische Alkopops auf den Tisch kommen.
Nachdem die fünf nordirischen Jungs - Cúig ist das irische Wort für Fünf - ihre neuen Klandlandschaften erarbeitet haben[60] und ausgiebig auf Tour waren, stellen sie nun ihre Chaostheorie vor. In der Praxis bedeutet dies ein lebendiger und unverbrauchter Sound zwischen Tradition und Fortschritt. Miceal Mullen (Banjo, Mandoline), Rónán Stewart (Geige, Uilleann Pipes, Gesang), Ruairí Stewart (Gitarre), Eoin Murphy (Knopfakkordeon) und Cathal Murphy (Schlagzeug) spielen blitzblank polierte Tanzmelodien; von Dudelsack und Akkordeon dominiert, durch das Rock-Backing mit jeder Menge Groove versehen. Also eher etwas für den Headbanger als den Céilí-Tänzer. Ihre Kompositionen bedienen sich ohne Scheu bei irischen und schottischen Vorbildern, erhalten aber immer eine neumodische Auffrischung. Das Album enthält im Ganzen nur zwei traditionelle Melodien, die in Ermangelung eines allseits bekannten Namens nach dem Banjospieler Éamonn Coyne benannt sind (oder bin ich hier einem Irrtum aufgesessen?), sowie jeweils einen Beitrag des verstorbenen schottischen Pipers John McAskill und des jungen nordirischen Multi-Instrumentalisten Jarlath Henderson. Das übrige Material wurde von Cathal, Eoin und Rónán Stewart beigesteuert. Zum ersten Mal wird auch gesungen. Die drei selbstverfassten Lieder sorgen zwischendurch für etwas Leichtigkeit, wirken im Vergleich mit der erstklassig arrangierten und vorgetragenen Instrumentalmusik (Großes Kino!) aber eher wie ein Lückenfüller (Werbeblock!). "Carry On" war tatsächlich Teil einer Medienkampagne der irischen Fluggesellschaft Aer Lingus ...
Cúig muss man unbedingt live in Konzert erleben; die Studioaufnahmen können die Dynamik und Energie des umtriebigen Quintetts nur unzulänglich wiedergeben. Ich empfehlen daher, der im Juli 2019 stattfindenden Sommertournee einen Besuch abzustatten.
© Walkin' T:-)M


Gwennyn "New Andro - best of"
Coop Breizh, 2018

Artist Video www.gwen
nyn.com

Die bretonische Singer-Songwriterin Gwennyn Louarn präsentiert Popmusik mit Bombarde, Dudelsack und Flöte; eine zeitgemäße Fusionsmusik irgendwo zwischen elektrisch aufgepepptem Celtic Trad und den Untiefen der konstruierten Weltmusik-Schublade. Um es in wenigen Worten aus meiner Sicht der Dinge zusammenzufassen, hat Gwennyn die Haltung einer Loreena McKennit, agiert allerdings wesentlich moderner und modischer. Damit ist sie gleichsam das Aushängeschild für eine lebendige, vorwärtsgewandte bretonische Nation, die gelassen und selbstbewusst ihren Platz im Reigen der europäischen Völker gefunden hat. Das politische wie kulturelle Mittelalter überlassen wir den Dumpfbacken und Demagogen. Zum 10jährigen Bühnenjubiläum offeriert Gwennyn uns ein Best-of-Album mit 18 Liedern in bretonischer, französischer und englischer Sprache. Dies sind Lieblingslieder von Gwennyn und ihren Fans aus ihren fünf Alben zwischen 2006 und 2016;[41][48][53][62] Eigenkompositionen gleichermaßen wie die traditionellen bretonischen Stücke "Ev Chistr 'Ta 'Laou" (hierzulande besser bekannt als "Was wollen wir trinken" von der niederländischen Polit-Rock-Gruppe Bots),[55] "An Hini A Garan" und "E Ti Eliz Iza". Das Zuckerl sind zwei noch nicht veröffentlichte Nummern, das programmatische Titelstück "New Andro" und "Oceane" über Klimaerwärmung und den Anstieg des Meeresspiegels.
© Walkin' T:-)M


Sackville Street "Sackville Street"
Eigenverlag, 2018

www.sackvillestreet.de

Die O'Connell Street ist die Hauptverkehrsader im nördlichen Teil der irischen Hauptstadt Dublin. Bevor sie in den frühen 1920er-Jahren zu Ehren des großen Emanzipationspolitikers Daniel O'Connell umgetauft wurde, hieß sie schlicht Sackville Street. Dies ist auch der unprätentiöse Name eines Trios aus dem Ruhrgebiet. Deren Instrumentarium ist dabei allerdings durchaus aus der Menge hervorstechend. Sänger und Gitarrist Christian Donovan fand durch die Pogues zum Irish Folk und durchwanderte mehrere Bands, wie Airím[25] und Wet Your Whistle.[33] Finbar Fureys Ratschlag "Keep Irish Music simple!" war quasi Initialzündung für die Gründung und programmatische Ausrichtung von Sackville Street, sich schwerpunktmäßig der ruhigeren, schwermütigeren und gefühlvolleren Facette der keltischen Seele zu widmen. Sängerin Nina Heinrich harmoniert nicht nur wohltuend mit Christians Stimme, sondern bewegt sich auch in einem breiten Spektrum zwischen Intimität und Expressivität. Die keltische Harfe von Luzinde Hahne unterstützt mit einem warmen, aber vollen Klang auf optimale Weise die gesanglichen Vorgaben. Ihre Inspiration bezieht sie von Saitenzauberern wie William Taylor, Wendy Stewart (Ceolbeg) oder dem Harfenduo Sìleas (Patsy Seddon und Mary MacMaster). Zwischen den Liedern spielt sie ausgefeilte Harfenarrangements von eben der prominenten Schottin Stewart, aber auch dem walisischen Triple-Harp-Performer Robin Huw Bowen und der Wiener Harfenistin und Musikheilkundlerin Uschi Laar. Bei der Liedauswahl verlässt man sich vor allem auf bewährte Klassiker wie den "Blacksmith" und die "Galway Races". Abseits der ausgelatschten Pfade findet man aber auch bunte Blüten von Robert Burns, Peadar Kearney und - wer kennt sie? - Alfred Edward Housman und Hugh Stevenson Roberton.
© Walkin' T:-)M


Katrin Unterlercher "Flowers"
Three Saints Records, 2018

Artist Video www.katrinun
terlercher.at

Die Nordtirolerin Katrin Unterlercher (geborene Aschaber) aus dem Brixental spielt seit ihrer Kindheit die Harfe. Unter anderem besuchte sie das Tiroler Landeskonservatorium, um sich ausgiebig dem Studium dieses vielsaitigen Zupfinstrumentes zu widmen. Von 2008 bis 2012 war sie Mitglied beim Herbert Pixner Projekt.[61][67] Seitdem arbeitet sie vor allem an ihrer musikalischen Solokarriere und legt nun gemeinsam mit ihrem Mann Werner Unterlercher am Kontrabass (der nach wie vor mit Pixner tourt) ihr Debütalbum "Flowers" vor. Werner bildet den musikalischen Nährboden, aus und auf dem Katrin ganz unverblümt gleichermaßen farbenfrohe wie aromatische Blüten sprießen lässt. Es sind neuartige und neuzeitliche Kreuzungen; die Wurzeln der zwölf Instrumental-Eigenkompositionen liegen in der alpinen Volksmusik, beziehen aber auch schon mal Irish Folk und Tangomusik ein. Dabei gehen Katrin und Werner ihren ganz eigenen Weg ins musikalische Eldorado, um zur allumfassenden Harpiness zu gelangen.
P.S.: Katrin Unterlerchers "Flowers" ist auch erhältlich in einer limitierten Holzbox mit individueller Bauernmalerei von Johanna Jamnik (die ansonsten, wenn ich recht unterrichtet bin, die Steirische Harmonika bedient).
© Walkin' T:-)M


Madame Baheux "Madame Baheux"
Lotus Records, 2014

Madame Baheux "Too Big to Fail"
Lotus Records, 2018

Artist Video www.madame-
baheux.com

Bei den Austrian World Music Awards 2014[56] räumte das weibliche Wiener Balkan-Quartett Madame Baheux groß ab und erspielte sich den 1. Rang. Im Wiener Dialekt bedeutet das eigentlich jiddische Wort "Bahö" soviel wie Radau oder Klamauk. Die vier Damen haben es französisiert und geben gleich mal programmatisch vor, dass sie nicht in irgendeine Schublade einordbar sein wollen. Versuchen wir es dennoch einmal mit einer Beschreibung. Grundsätzlich können wir sagen, dass das Line-Up (Herkunft wie Instrumentarium der Musikerinnen) die Musik determiniert. Jelena Popržan (Viola) ist ein Multitalent aus dem serbischen Teil der Vojvodina, das u.a. mit ihrem Duo Catch-Pop String-Strong [56] auf sich aufmerksam gemacht hat. Die Bosnierin Ljubinka Jokić (Gesang, Stromgitarre) frönt dem Jugo-Rock der 1980er-Jahre, mit dem sie aufgewachsen ist. Die bulgarische Schlagzeugerin Maria Petrova ist seit mehr als zehn Jahren das rhythmische Rückgrat der Wiener Tschuschenkapelle;[55] und überhaupt ist sie eine begehrte Perkussionistin in der Wiener Musikszene. Lina Neuner aus dem Wiener Vorort Klosterneuburg ist die einzige original Einheimische; die Kontrabassistin spielt(e) u.a. mit Tini Trampler[43] und Christina Zurbrügg[53] und trägt mit ihren jazzig-vertrackten Kompositionen zum quirligen Klangbild der Gruppe bei.
So finden sich auf dem Debütalbum von 2014 (zwei Lieder erschienen auf dem Galileo-Sampler "RADIO VIENNA -Sounds from the 21st Century")[59] und dem aktuellen Nachfolgewerk "Too Big to Fail" diffizile Balkan-Rhythmen und Volkslieder aus Bulgarien, Serbien, Bosnien und Mazedonien, mit denen sich die tönende Dame zu ihren musikalischen Wurzeln in Südosteuropa bekennt. "Dilmano dilbero" z.B. ist ein traditionelles, textlich derbes Hochzeitslied. Für das Titelstück "Too Big to Fail" über die Verbindung von Staat und Banken hat sich Autor und Satiriker Richard Schuberth bei einer Melodie des serbischen Roma-Sängers Šaban Bajramović bedient ("Kerta mange daje"). Doch Madame Baheux blickt weit über den Tellerrand hinaus. Die Eigenkompositionen pendeln zwischen Folklore, Jazz, Welt- und Kunstmusik; es finden sich Lieder des schottischen Folk-Singer-Songwriters Ewan MacColl ("Moving On Song") und des Dramatikers Bertolt Brecht ("Gusarka Jenny" alias "Seeräuber-Jenny"). Und wieder Richard Schuberth, der über die zur Zeit der Flüchtlingskrise amtierende österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner spöttisch und blues-lastig vom Leder zieht. Das Ganze kommt groovig und ein wenig schräg daher, bei dem trotz der musikalischen Diversität alles seine Richtung hat und einen gemeinsamen Nenner findet. Für das exzellente und ausführliche Booklet in deutscher und englischer Sprache gibt es einen weiteren Pluspunkt.
© Walkin' T:-)M


Lula Wiles "What Will We Do"
Smithsonian Folkways Recordings, 2019

Artist Video www.lula
wiles.com

Lula Wiles ist der Name des aus den Sängerinnen, Multi-Instrumentalistinnen und Songwriterinnen Isa Burke, Eleanor Buckland und Mali Obomsawin bestehenden Americana-Trios aus Boston, welches 2017 mit dem Bluegrass Jamboree[64] durch Deutschland tourte (siehe das Video aus dem Columbia Theater in Berlin). Ihr zweites Album "What Will We Do" nahmen sie unter dem Motto auf: Die Leute kaufen immer noch CDs, oder? Sie sind großartig fürs Auto; oder für Audio in höherer Qualität!

Artist Video
What will we do if we have no money?
Oh, true lovers, what will we do then?
Only haul through the town for a hungry crowd
And we'll yodel it over again

What will we do if we marry a banker?
Oh, true lovers, what will we do then?
Only take all we can, share the money 'cross the land     
And we'll yodel it over again

Es ist Countrymusik mit Harmoniegesang, Fiedel, Bass und Gitarre. Die jungen Damen stehen jedoch mit beiden Beinen im Hier und Heute, da gibt es schon mal eine verzerrte Stromitarre oder dissonante Harmonien. Ihre Wurzeln liegen in der amerikanischen Tradition, mit der sie aufgewachsen sind; sie halten aber der Gesellschaft, die diese gestaltet hat, den ethischen Spiegel vor. Der Albumtitel stellt die Frage in den Raum, welche Dinge uns beunruhigen, über was wir ins Grübeln und ins Gespräch kommen (sollten).

Das Titelstück "What Will We Do If We Have No Money?" ist eine aufgehübschte irische Ballade mit einer zusätzlichen, kapitalismus-kritischen Strophe (vergleiche ältere Aufnahmen von Mary Delaney, Silly Sisters (June Tabor & Maddy Prior) und Lankum). Ihre Texte handeln - abgesehen von der Dolly-Parton-Nummer "The Pain of Loving You" - eher nicht von den gebrochenen Herzen des typischen Country-Songs, sondern vom Scheitern des American Dream. Den vielbeschworenen Werten und Tugenden stehen Kriminalität, Gewalttätigkeit, Rassimus, Arroganz, ein nahezu zwanghaftes Verlangen nach Dominanz und eine ungezügelte Wirtschaftsordnung entgegen. Mali Obomsawin ist eine Nachfahrin der Abenaki, die zu den Algonkin-Stämmen gehören und einst das ganze Land zwischen Nova Scotia und Neuengland besiedelten; sie hofft ganz konkret, aber bislang vergeblich, dass es ebenso inakzeptabel sein wird, anti-native Texte zu schreiben und zu singen, wie jetzt, anti-schwarze Texte zu schreiben und zu singen.

Artist Video
P.S.: Wie unschwer zu erkennen ist, hört keine der drei Damen auf den Namen Lula. Der ominöse Bandname bezieht sich auf einen alten Song der Carter Family. Wer mehr wissen möchte, dem sei das aufklärende Video auf der Smithsonian Folkways-Seite nahegelegt.
© Walkin' T:-)M

Wildes Holz "Freunde"
Holzrecords, 2018

Artist Video www.wildes
-holz.de

Seit zwanzig Jahren steht das Trio Wildes Holz für markante akustische Musik und beweist immer wieder von Neuem, dass die übel beleumundete Blockflöte (zu meiner Zeit im Schülerjargon Blödflöte genannt) ein vollwertiges Instrument, nicht nur für musikalische Einsteiger und die geruhsame Adventszeit, sondern auch das gesamte Musikspektrum von Klassik bis Rock abzudecken in der Lage ist.[51] Gänzlich unerwartet und wie ein Blitz aus heiterem Himmel verstarb im vergangenen Sommer Gitarrist Anto Karaula an einer Gehirnblutung. Vermächtnis und Schwanengesang finden sich nun auf der Benefiz-Doppel-CD "Freunde". Anto war an den Aufnahmen für das 20jährige Band-Jubiläum zum größten Teil noch beteiligt. Blockflötist Tobias Reisige und Kontrabassist Markus Conrads luden außerdem zahlreiche illustre Gäste ein, u.a. den Rockmusiker und Liedermacher Stefan Stoppok,[61] Gypsy-Jazz-Gitarrist Joscho Stephan und Klezmer-Klarinettist Helmut Eisel[63] und das deutsch-serbische Crossover-Quartet Uwaga!.[44] Die Stückeauswahl schließt zwei Jahrhunderte ein: Mozarts "Rondo alla Turca" aus der Klaviersonate Nr. 11, das beliebte Kirchenlied "Amazing Grace" aus der Feder des bekehrten Sklavenhändlers John Newton, das ursprünglich jiddische, durch die Andrews Sisters bekannt gemachte Swingstück "Bei mir bist du schön", der Cash-Carter-Country-Song "Ring of Fire", Helmut Eisels Freilach für Yoram Manevich, zuguterletzt Stoppoks wunderbare Pop-Ballade "Wie tief kann man sehen?".
Die erste Reaktion von Tobias Reisige und Markus Conrads war, dass Anto Karaula eine riesige Lücke hinterlasse und man nicht sagen könne, wie es mit Wildes Holz weitergehen solle. Beide waren sich aber auch sicher, dass Anto die gemeinsame Musik sehr wichtig gewesen war und er wollen würde, dass sie lebendig bleibt. Die "Freunde"-CD ist gleichermaßen ein wehmütiger Blick zurück und der erste Schritt in eine vielversprechende Zukunft. Seit Beginn des Jahres ist der algerisch-stämmige Gitarrist Djamel Laroussi an Bord des ungebremsten Holztransports, bei dem es nun mehr kein Halten gibt. Nie und nimmer.
© Walkin' T:-)M


Wildes Holz "Ungehobelt"
Galileo Music Communication, 2018

www.wildes-holz.de

Artist Video

Das sind mal sehr unkonventionelle Coverversionen, die sich auf dem Album “Ungehobelt” finden. Neben ein paar Eigenkompositionen. Gleich der erste Song “Rock me Amadeus” zeigt, wie ungehobelt wildes Holz mit Originalen umgeht. Als Hauptinstrument setzt die Band eines der wichtigsten Instrumente der Rockmusik ein - die Blockflöte. Das melodietragende Mittel ist die Blockflöte von Tobias Reisige, der hier wie der Freddie Mercury der Holzblasinstrumente wirkt. Bei aller Eigenwilligkeit der Interpretationen von Falco über Blackmore, Tarkan bis Steven Tyler, tun wildes Holz den Originalen nie Gewalt an. Immer suchen sie ihrer eigene Stimme und finden sie auch. Nebenbei widmen sie sich einer Telemankomposition. Und sie verwandeln die Urmutter des Elektropop, den Song “Popcorn” in einen Folksong für Mandoline und Flöte. Nicht vergessen sollte man die Eigenkompositionen auf diesem einfallsreichen Album, die abwechselnd von allen drei Bandmitgliedern stammen.
© Karsten Rube


Auli & Tautumeitas "Lai Masina Rotajas!"
CPL Music, 2018

www.auli.lv
www.tautumeitas.lv

Artist Video

Auli gehören zu den soundstärksten Folkkapellen Lettlands. Mit Drums und Bagpipes sorgen sie für druckvolle ethnische Trancemusik. Dieser Band gesellt sich auf dem Album “Lai Masina Rotajsa” das stimmgewaltige Frauenensemble Tautumeitas hinzu. Gemeinsam haben sie das Thema Hochzeitsfeiern für sich entdeckt. Dreizehn Lieder um Eheschließung, Familienfeiern, aber auch um die Gewöhnung eines Paares aneinander, wenn der Honeymoon dem Alltag weicht, sind zu hören. Die Stimmung überträgt sich auf den Hörer sehr gut, selbst wenn er kein Lettisch spricht. In Lettland wurde “Lai Masina Rotajas!” 2018 zum besten Weltmusik-Album des Jahres gewählt.
© Karsten Rube


Banda Osiris "Funfara"
Felmay, 2018

www.bandaosiris.it

Eine wilde Komödie liefern die Künstler der italienischen Blasmusikkapelle Banda Osiris auf ihrer CD “Funfara” ab. Ihr Repertoire klingt, als hätten sie von Mozart bis zum aktuellen Pop alle Stile mit Leichtigkeit eingeatmet und geben nun das Ergebnis dieses künstlerischen Trips wieder. Voller Witz sind ihre musikalischen Anspielungen. Die Titel wirken stellenweise wie Filmmusiken zu einem Balkanroadmovie. “Funfara” ist extrem mit Druckluft gefüllt.
© Karsten Rube


Brot und Sterne "Tales of Herbst"
Traumton Music, 2017

www.peter-rosmanith.at

Auch wenn man glaubt, bei Weltmusik und Jazz schon jegliche musikalische Kombination kennengelernt zu haben, sollte man für Überraschungen offenbleiben. Die Instrumente Drehleier, Hang und Trompete sind wahrlich so unkonventionell, dass man sich im Vorfeld vergeblich den Kopf zerbricht, was einen denn da musikalisch erwartet. Das Album “Tales of Herbst” entzieht sich jeder Kategorisierung. Die Hang, die gern zu meditativen Zwecken geklopft wird, kann auch hier ihre beruhigende Wirkung entfalten. Die Trompete wirkt gesetzt, schaukelt leicht auf den Wogen des Jazz, ohne sich festzulegen und die Drehleier will partout nicht folkloristisch klingen. Etwas Elektronik legt sich unter die drei Hauptinstrumente. Frei lassen die drei Musiker ihre Klangträume aufsteigen, legen Grundsteine für die verschiedensten Geschichten, die sich zu dieser Musik beim Hörer aufbauen. Die Musik dieses schönen Albums wirkt wie ein mentaler Fluchtversuch aus grauer Umgebung und Tristesse.
© Karsten Rube


The Mystery of the Bulgarian Voices featuring Lisa Gerrard "Boocheemish"
Prophecy Productions, 2018

www.themysteryofthebulgarianvoices.com

Article: Music of Bulgaria

Die Stimmen bulgarischer Frauen sind ein solches Mysterium, dass man sich bei den verschiedenen Chören dieser Stilistik manchmal nicht recht zu orientieren weiß. Während sich der Chor “The Bulgarian Voices - Angelite” vor Kurzem mit seinem Jubiläumswerk zum 25-jährige Bestehen selbst feierte, haben The Mystery of the Bulgarian Voces ihre Entstehung bis auf das Jahr 1957 zurückdatiert. Lange Zeit, bevor der Begriff Weltmusik überhaupt geprägt wurde, standen sie bereits als bulgarischer Exportschlager für regionale Folklore auf Bühnen und vor Kameras. Zwischenzeitlich pausierte der Chor 20 Jahre und meldete sich erst 2018 eindrucksvoll wieder auf der Szene zurück, verjüngt in Personal und künstlerischem Anspruch. Traditioneller bulgarischer Gesang, Stimmtechnik und der Griff in die lyrische Schatzkiste slawischer Folklore bleibt fester Bestandteil des Ensembles. Neu ist ihre Zusammenarbeit mit Künstlern der moderneren Weltmusik. So erfrischt die Australierin Lisa Gerrard, bekannt für ihre Band Dead Can Dance, aber auch für zahlreiche Filmmusikkompositionen, die Aufnahmen mit Pop- und Elektronikeinflüssen. Instrumente aus Balkan und Vorderem Orient steuern weitere weltmusikalische Akzente bei. Die Mystik der Songs bleibt dem Gesang jedoch erhalten. Ein Album, das zu allererst Dank der Kraft der bulgarischen Stimmen fasziniert.
© Karsten Rube


Canzoniere Grecanico Salentino "Canzoniere"
Ponderosa Music Records, 2017

www.canzonieregrecanicosalentino.net

Artist Video

Im äußersten Süden Italiens, da wo der Stiefel seinen Hacken hat, befindet sich die Halbinsel Salent. Besonders bekannt ist die Gegend für ihre ausgelassenen Tarantellatänze. Die Canzoniere Grecanico Salentino aus der Stadt Lecce gehören seit über vierzig Jahren zu den bekanntesten Vertretern der Folklore Salents. Wie sie auf dem aktuellen Album “Canzoniere” beweisen, muss die Tarantella keine stilreine folkloristische Angelegenheit sein. Dieses Album ist eine Zusammenarbeit zwischen den Canzonieri und verschiedenen amerikanischen und europäischen Songschreibern. So trafen sie mit Autoren zusammen, die für Bruno Mars, Steely Dan, Sting, die Backstreet Boys oder auch George Benson arbeiteten. Herausgekommen ist ein spannendes Album, das sich an den Grenzen von Folklore und Pop bewegt, ohne je in eine Richtung zu kippen.
© Karsten Rube


Daniel Kahn and the Painted Bird "The Butcher’s Share"
Oriente Musik, 2017

www.paintedbird.net

Artist Video

Daniel Kahn macht Klezmer, wie kaum ein anderer Musiker der aktuellen Klezmerszene. Kraftvolle Adaptionen und Eigenkompositionen finden sich auf dem aktuellen Album “The Butcher’s Share”. Manche Songs wirken, wie aus einem Zirkus der Kuriositäten, einige erinnern an Tom Waits, andere an Brecht. Elend, Klassenkampf und der Wunsch nach Frieden durchziehen seine Lieder, wie ein roter Faden. Manchmal sehnsuchtsvoll, manchmal wütend. Und immer mit einem heftig schlagenden Herzen.
© Karsten Rube


The Disorientalists "Who was Essad Bey?"
Oriente Musik, 2016

oriente.de/...

Durch eine etwas bizarre Nummernrevue führen uns die Musiker Yuriy Gurzhy, Daniel Kahn und Marina Frenk unter dem Titel “Who was Essad Bey”. Als Bühnenprojekt The Disorientalists haben sich die drei eigens dazu verbunden, den Lebensspuren des Schriftstellers Essad Bey zu folgen. Dieser umtriebige Autor, der mit dem Namen Lev Nussimbaum geboren wurde, mag heute kaum bekannt sein, aber im Berlin der zwanziger Jahre war er ein bunter Hund. Aus Baku floh er vor der Oktoberrevolution über Tiflis nach Istanbul, dann über Rom nach Berlin. Er konvertierte vom jüdischen Glauben zum Islam und schrieb ein paar bemerkenswerte Bücher, darunter eine kritische Stalin Biografie und eine Biografie des Propheten Mohammed, die bis heute zu den wichtigen Standardwerken über den Islam zählt. Sein wanderungsreiches Leben, seine Kommunismus-kritischen Schriften, sein Leben in Berlin - all das erzählen uns die Disorientalists auf dem bunten Album “Who was Essad Bey?”. Musikalisch bewegen sie sich stilsicher zwischen Klezmer, Oriental, Russenfolklore und Kabarett. Äußerst hörenswert.
© Karsten Rube


Deva Mahal "Run Deep"
Motéma Music, 2018

www.devamahal.com

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Als Kind einer Musikerlegende ist es nicht leicht, seinen eigenen Weg zu finden. Deva Mahal, Tochter des berühmten Bluesmusikers Taj Mahal, versucht gar nicht erst, den Einfluss ihres Vaters kleinzureden. Im Gegenteil, alles was sie heute selbst ausdrücken kann, ist die direkte Folge des Einflusses ihrer Familie. Obwohl Deva auf ihrem Debüt-Album “Run Deep” keinen Blues, sondern kräftigen Soul aufgenommen hat, steckt die Intensität ihrer Musik in keiner Weise hinter der ihres Vaters zurück. Ausdrucksstark, impulsiv, selbstbewusst erlebt man die junge Frau. Doch hinter all diesen energiegeladenen Songs finden sich die Erfahrungen, die sie als Frau und als Farbige in ihrem Leben machen musste. Rassismus, Intoleranz, Enttäuschungen sind Themen der Songs, aber auch Aufbegehren und Mut als Folge all der Anfeindungen, die sie erlebte. Das Album “Run Deep” ist, obwohl erst ein Debüt, bereits jetzt ein Meilenstein des Soul.

Siehe Hörbeispiele @ NoiseTrade!

© Karsten Rube

Diane Durrett & Soul Suga "Live"
Blooming Tunes Music, 2018

www.dianedurrett.com

“Ein paar seelenvolle Geschichten und etwas Süßes”, das verspricht die Soulsängerin Diane Durrett aus Atlanta ihrem Publikum während des Liveauftritts im Städtchen Decatur/Georgia, der auf dem Album »Live« verewigt wurde. Ihre Stimme ist mal zuckersüß, mal deftig und rau. Rauchiger Blues liegt ihr genauso gut, wie mitreißender Soul. Perfekt abgestimmt sind die Bläser, die immer wieder ihren ausdrucksstarken Gesang unterstützen. Die meisten Songs sind aus eigener Feder, doch auch als Interpretin bekannter Standards kann sie auf dem Album punkten. Sehr dynamisch ist ihr Gershwins “Summertime” gelungen. Ein großartiges Konzert von Diane Durrett, das dieses Live-Album wiedergibt.
© Karsten Rube


Duo Hand in Hand "Lust auf Genuss"
HEYBlau! Records, 2016

www.duohandinhand.de

Die beiden Musikerinnen Annett Lipske und Beate Wein gestalten auf ihrem Album “Lust auf Genuss” musikalisch ihren Alltag, ihre Gedanken, ihre Träume. Manchmal beschwingt mit Bossa und Poprhythmen, manchmal leise mit einer gehörigen Portion Sehnsucht. Die Texte sind poetische Schönheiten (”Sommernachtsgewitter”, “Bleiben”), oder etwas holprig, wie auf einem löchrigen Straßenpflaster (”Autopilot”) - was gut zum Inhalt des Liedes passt. Genuss heißt bei den beiden, manchmal auch aufs Essen zu achten. Der Titelsong “Lust auf Genuss” stolpert allerdings agitatorisch durch den Biomarkt. Wenn man schon der handgezogenen Möhre ein Ständchen bringt, könnte man das Lied statt mit exotischer Bossa ja auch konsequenterweise regional vertonen. Das Lied “Zimtschnecke” ist wiederum ein süßes, witziges A-Capella-Stück, das einen sofort zum Bäcker aufbrechen lässt. Ein Album, das nicht ganz rund läuft, aber insgesamt recht bunt ist.
© Karsten Rube


Eivør "At the Heart of a Selkie"
Tutl Records, 2016

www.eivor.com

Eivør Pálsdóttir stammt von den Faröer-Inseln. Als Sängerin bei zahlreichen nordischen Ensembles und als Solokünstlerin hat sie seit Jahren immer wieder Folkpreise eingesammelt. In Deutschland trat sie bereits mit Yggdrasil in Rudolstadt auf, war beim Bardentreffen in Nürnberg und beim Festival Nordischer Klang in Greifswald. Ihr 2016 entstandenes Album “At the Heart of a Selkie”, das sie zusammen mit der Dänischen Radio Big Band und dem Dänischen National Vocal Ensemble aufgenommen hat, besitzt einen experimentellen Klangcharakter. Industrieakustik trifft dabei auf Elfengesang. Ihre glockenhelle Stimme steht im Vordergrund. Das Vokalensemble liegt wie ein Klangschatten unter ihrem Gesang und die Bigband steht ihr bei den lauteren Momenten mit durchkomponierter Geräuschkulisse zur Seite. Nicht gerade leichte Kost, was die Sängerin mit diesem Album anbietet.
© Karsten Rube


Embryo "It do"
Trikont, 2016

www.embryo.de

2019 wird die Band Embryo 50. Was 1969 als kleines experimentierfreudiges musikalisches Etwas begann, dem man kaum eine stilistische Schublade anbieten konnte, hat sich über die Jahre als ein beständiges Ensemble erwiesen. Krautrock mit Jazzambitionen hieß es zunächst. Ihr Hang zur Musik aus für ostdeutsche Verhältnisse äußerst exotischen Gegenden der Welt, machte Embryo zu einer Weltmusikband, bevor irgendwer diesen Begriff erstmals prägte. Das Album “It do” aus dem Jahr 2016 versammelte außer dem Stammensemble unter Christian Burchard eine Vielzahl Musiker aus aller Welt. Die Songs spiegeln die Vielfalt der Welt wieder. Bunt die Sammlung von Instrumenten, wechselhaft die Stimmungen, die die Songs wiedergeben. Verspielte Freude am klanglichen Experiment ist den Musikern über ein halbes Jahrhundert erhalten geblieben, wie man an diesem Album wunderbar nachvollziehen kann. Für Bandgründer Christian Burchard war dieses Album das letzte musikalische Ausrufezeichen seiner langen Karriere. Anfang 2018 verstarb der Künstler und Weltenbummler infolge eines Schlaganfalls. Sein Vermächtnis bleibt in der Band bestehen, die seitdem von seiner Tochter Marja weitergeführt wird.
© Karsten Rube


Ensemble FisFüz "Bonsai - 20 Years of Oriental Jazz"
Pianissimo, 2016

www.fisfuez.de

Das Freiberger Trio FisFüz verbindet bereits seit über zwanzig Jahren Ud, Klarinette und Perkussion zu einem geschlossenen Klangbild. Jazz trifft dabei auf Orientalische Musik. Wo sich der Orient und der Okzident kulturell verbrüdern, entsteht eine neue Form von grenzenloser Heimatmusik. Nichts Weniger als dies bringt das Ensemble FisFüz auf ihrem Jubiläumsalbum “Bonsai” zu Gehör.
© Karsten Rube


Federspiel "Wolperting"
Col Legno Music, 2018

www.feder-spiel.net

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Fremder, der du die Alpenländer bereist, bedenke: Wenn dir jemand einen Wolpertinger erklärt, will er dich an der Nase herumführen. Die Blaskapelle Federspiel aus Österreich versucht mit dem Album “Wolperting”, den musikalischen Wolpertinger unters Volk zu bringen. Auch hier gilt: Erwarte nichts und sei umso verblüffter. Denn die Blasmusik Federspiels widerspricht jeder Erwartung der herkömmlichen Blasmusik. Welt atmen die Musiker durch ihre Instrumente, Zauberei und Fabelwelten werden in ihren Melodien wach. Tanzende Elfen und Wassertrolle in norwegischen Fjorden, aber auch mexikanische Götter sind Themen in den Kompositionen. Ausschließlich Blech- und Holzblasinstrumente bedienen Federspiel, diese und ihre Stimmen, mit denen sie auch mal alpenländisch Jodeln. Die Blasmusik des Federspiels ist weit davon entfernt, klischeebehaftete Alpenmusik zu sein, besitzt aber genug Heimatrespekt, um sich trotz des Blickes in die Welt als Alpenmusik erkennen zu geben. Mit etwas Zeit für das Einhören in diese Platte, erweist sich “Wolperting” als ein fabelhafter Hörschatz.
© Karsten Rube


George Leitenberger & Roddy Mac Kinnon "Raw Love"
Silberblick Music, 2018

www.georgeleitenberger.com

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Schön, wenn man als Musiker auf die zahllosen Möglichkeiten der modernen Techniken zurückgreifen kann. Noch schöner, wenn man das gar nicht muss. Der Gitarrist George Leitenberger aus Deutschland und der Schotte Roddy McKinnon konzentrieren sich auf ihrem ersten gemeinsamen Album “Raw Love” aufs Wesentliche. Sie spielen einfach. Die 14 Tracks, der simplen, wie brillanten Produktion haben sie in fünf Tagen in einer Art Live-Gig-Session im Studio eingespielt. Ehrlich und ohne Tricks. Leitenberger setzt hier seine Erfahrung als Songwriter und Liebhaber des Deltablues ein. McKinnon ist präsent als langjähriger Rockmusiker und punkbegeisterter Gitarrist. Beide zusammen erzählen Persönliches, Melancholisches und Romantisches, begleitet vom Stahl ihrer Gitarrensaiten. Als Bonustrack gibt es eine Hommage an den verstorbenen Berliner Schauspieler Andreas Schmidt.
© Karsten Rube


Geza Frank & Jean Damei "Event Horizon"
Type 2 Records, 2017

www.eventhorizonproject.com

Wenn der Mensch dereinst neue Horizonte entdeckt und in den Weltraum auszieht, um ferne Planeten zu besiedeln, dann nimmt er seine Heimatkultur mit. Warum sollte der Mensch in der Schwerelosigkeit nicht einen irischen Steppentanz versuchen. Geza Frank und Jean Damei brechen musikalisch schon mal auf zu diesen Horizonten, verbinden elektronische Musik und keltische Tradition. Uilleann Pipe, Flöte und Synthesizer. Zugegeben - wirklich neu ist diese Mischung nicht, aber modern und stimmig. Die Keltik-Tradition verbindet sich bestens mit der zurückhaltend eingesetzten Elektronik und lassen die Musik, bei all dem fortschrittlichen in die Galaxis Schauen, immer noch menschlich und terrestrisch klingen und nicht nach science-fictionhaften Androidentanz.
© Karsten Rube


Gjermund Larsen Trio "Salmeklang"
Galileo Music, 2017

www.gjermundlarsen.com

Zum zehnjährigen Bestehen des Gjermund Larson Trios hat der norwegische Fiddlevirtuose Gjermund Larson die schwedische Band Nordic eingeladen und mit den Musikern das Album “Salmeklang” aufgenommen. Die Titel haben zum Teil sehr familiären Bezug. So finden sich Kompositionen für die Kinder und ein Hochzeitswalzer für die Schwester - “falls die mal einen benötigt” - wie er selbst anführt. Elf Lieder hat Larson für diese überaus kurzweilige Sammlung ausgesucht.
© Karsten Rube



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