FolkWorld Artikel von Karsten Rube:

Partystimmung auf Dänisch

Tønder Festival 2001


Tautropfen liegen auf dem hohen Klee. Die Morgensonne funkelt bereits darin und verspricht einen weiteren heißen Tag. Ich stecke meinen Kopf aus dem Zelt und verschaffe mir einen Überblick, sofern man aus dieser Perspektive, 10 cm über dem Erdboden von Überblick reden kann. Es genügt für eine Standortbestimmung: Dänemark, T°nder, Festivalgelände.

Tonder Logo Ringsherum steht professionelles, über Jahre hinweg gewachsenes und gefestigtes Campingleben. Respektable Familienzelte, Wohnwagen mit Picknicktischchen und Blumenvase, zweistöckige Campingmobile. Das findet man auf vielen Zeltplätzen und vermutlich auch auf Folkfestzeltplätzen. Sicher bin ich mir bei der Standortbestimmung, als ich sehe, wie ein halbnackter Mann auf seinem Wohnwagen steht und feierlich die dänische Flagge hisst. Bis auf das Kind, das im Nachbarzelt kreischt, ist es sonst noch recht ruhig.

Ich beschließe einen Rundgang durch die Zeltstadt zu machen, in der Hoffnung, ein Klo zu finden, an dem ich nicht anstehen muss. Vor einigen Zelten und Wohnwagen werden bereits Tische gedeckt. Ein dicker Mann versucht sich mutig am ersten Schluck Bier des Tages oder ist es das letzte der beendeten Nacht? Egal, er wird wohl nahtlose Übergänge schätzen, sein Bauch unterstreicht das nachhaltig. Je näher ich dem eigentlichen Festivalplatz komme, um so wacher wird die Umwelt. Das Waschzelt ist noch nicht richtig zum Waschen freigegeben. Drei Musiker üben darin mit Fiddel, Gitarre und Zahnbürste auf Waschbecken. An der Frühstücksbude werden die ersten Rundstücker - die hiesige Entsprechung des Brötchens - verkauft. Im Duschzelt singt eine einsame Stimme Dänisches zum Wasserrauschen.

Die Stimmung ist bereits am Morgen recht gut. Das Wort "ausgelassen" kommt mir vorerst nicht über die Lippen, denn "Ausgelassenheit" scheint nicht die natürliche Ausdrucksform der Dänen zu sein. Selbst hier beim Festival konnte ich davon am Freitagabend nichts bemerken, aber vielleicht freuen sich ja die Dänen mehr nach innen.

Capercaillie 1995, photo by The Mollis Freitag 20.00 Uhr. Telt 2. Man muss Prioritäten setzen, wenn man sich beim T°nder-Folkfest um Karten bemüht. Alles kann man eh nicht sehen. Priorität zu setzen, fällt mir am Freitag nicht schwer. Im kleineren Zelt spielt am Ende des Abends Capercaillie, eine meiner absoluten Lieblingsbands. Live durfte ich sie bisher noch nicht erleben.

Doch vorher treten Scrüj MacDukh aus Kanada auf. Von denen habe ich noch nie gehört. Entsprechend gering ist meine Erwartungshaltung. Prompt schaffen sie es,mich vom ersten Ton an restlos zu begeistern. Ein absolut fitter Banjospieler eröffnet mit einem Banjospiel, das ich in dieser Qualität bisher nur beim Banjo-Weltmeister Bela Fleck erlebt habe. Die Sängerin Ruth Moody singt mit glockenhellen Elfenstimme, und überragt damit an Eindringlichkeit so manche Stimme, die in keltischen Musikkreisen Rang und Namen hat.

Ich könnte vor Freude tanzen. Doch das ist schwierig. Lediglich am Rand ist etwas Freifläche, der Rest des Zeltes ist komplett bestuhlt. Neben mir sitzt ein sehr großer, sehr stämmiger und sehr schwitzender dänischer Mensch. Seine verschränkten Arme stoßen mir immer wieder an die Schultern, wenn ich auf meinem Sitz herumhopse. Irgendwie schaffe ich es einen Stuhl zwischen uns frei zu machen und habe endlich Platz. Doch da er auf seinem Platz nicht richtig sieht, rutscht er wieder zu mir rüber. Das Publikum klatscht laut und grölt, lässt sich aber nicht dazu bewegen, vom Sitz aufzuspringen. Und das bei einer Band, die einen so virtuosen Auftakt liefert, wie ihn andere Musiker nicht als Finale hinlegen.

Scrüj MacDukh stammen aus Winnipeg und ihre Geschichte beginnt bei einem Essen im Jahr 1995. Ein junger Mann hat ein paar Freunde eingeladen und statt zu Essen wurde gejamt. Ihr Einfluss waren keltische Traditionen und etwas Zydeco. Die Musiker sind alle unter Dreißig. Das bedeutet, sie haben eine Menge Spielwut, sind beweglich und einfallsreich und jedem Einfluss gegenüber aufgeschlossen. Das können manche alte Hasen kaum noch von sich behaupten. Logisch, dass ihre Musik magnetisieren muss und tatsächlich geht das Publikum vorsichtig aus sich heraus, um wenigstens eine Zugabe herauszukitzeln.

Danu Party at Tonder 2000, photo by The Mollis Nach dieser kanadischen Überraschung ist eine kurze Pause nötig, die ein Großteil damit verbringt sich neues Bier zu besorgen und sich von den Resten des alten Biers zu befreien.

Nach der Pause spielen Danú aus Irland. Jemand hat diese junge Band mit dem Prädikat: "die Enkel der Chieftains" versehen und in der Tat liefern sie ein Programm ab, das man in dieser Form in Matt Molleys Pub gehört haben könnte. Schnelle Tanzmusik mit gekonnten Fiddel- und Flöteneinlagen wechseln sich mit traditionellen Balladen ab, die vom Sänger so schmachtend vorgetragen werden, als sänge er sie zum ersten Male und nur die Geliebte höre zu. Wenn Ciarán, die Ballade, in den Vordergrund tritt, wird es still. Die Band ist wirklich gut, gewann bereits den Irish Music Award und wurde von BBC2 zur besten Live Band in der Kategorie Folk Music gekürt. Allerdings sind die normalen, traditionell gespielten Stücke ein wenig überraschungsarm. Ein musikalisches Thema wird von einem Instrument vorgegeben, von einem anderen aufgenommen, bis alle Instrumente schließlich dieses eine Thema gemeinsam in Tonhöhe und Geschwindigkeit variieren.

Nach knapp eineinhalb Stunden verschwindet die Band wieder. Der Ansager kündigt eine weitere Pause und die Gruppe Capercaillie an. Das kann ich aus dem mir völlig fremden Dänisch tatsächlich heraushören. In der Pause beschließe ich ein wenig durchs Zelt zu schleichen und hoffe einen Platz zu finden, von dem aus ich Capercaillie ungestört genießen kann. In der Mitte sind viele Bankreihen verwaist. Die meisten Leute sind wieder Bier holen oder stehen im halboffenen Urinierverschlag. Dort kann man den Herren beim Vollzug von außen ins Gesicht schauen, was auch ein witziger Programmpunkt sein kann. Ich setze mich in eine völlig leere Reihe und warte ab. Nach reichlich zehn Minuten kommt eine ältere Dame im weißen Strickjäckchen und mit buntem Halstuch. "Sie sitzen auf meinem Stuhl!" sagt sie auf Dänisch, was ich gut verstehe, da ich ahne, was sie meint. "Sorry. Aber ihr Name stand nicht dran!" erwidere ich auf englisch. "Aber ich sitze hier schon die ganze Zeit!" sagt sie energisch. Ich zucke mit den Achseln und erhebe mich. Sie setzt sich und wirft ihre Sachen verärgert über die freien Stühle neben sich. Ihr Mutter kommt dazu und bringt Bier. Gemeinschaftlich schauen sie sich verstohlen um, giftige Blicke in meine Richtung werfend.

Danu Tonder 1998, photo by The Mollis Bisher hatte ich immer genügend Vorwände gefunden, nicht nach Dänemark zu reisen. Meine kopfeigenen Vorurteile, die den Dänen als piefig, spießig und begeisterungsunfähig, dafür aber als versoffen einstuften, wollte ich behalten. Allerdings besitzt Dänemark ein weltweit sehr geachtetes Folkfest und das passt so überhaupt nicht in mein starres Gedankenschema. Die Ankündigung der Anwesenheit meiner musikalischen Helden Capercaillie und La Bottine Souriante ließ alle meine Bedenken hinwegschmelzen. Die Sterne standen günstig und die Sterne standen in diesem Fall als freie Tage in meinem Terminkalender. Und für Capercaillie kann man sogar mal über seine Vorurteile hinweg sehen.

Als Capercaillie endlich auf die Bühne kommen, stehe ich hinter der letzen Reihe und sehe hervorragend. Es ist ein rührendes, wunderschönes ans Herz gehendes Konzert. Frau Masterson steht rank und schlank am Mikrofon und verzaubert mit ihrer wunderbaren Stimme oder sitzt brav vor dem Schlagzeug, wenn es zu einem Instrumentalstück kommt. Ihre Art gaelische Mouth-Music zu zelebrieren, mit einer Geschwindigkeit, für die andere Computer beschäftigen, lässt den Begriff Vocal-Techno durchaus zu.

Leider ist ihre Musik nicht dazu geeignet, das hauptsächlich auf traditionelle Fiddelwettbewerbe ausgerichtete Abendpublikum zu begeistern.Ich beobachte viele Menschen vor mir, die mit verschränkten Armen still auf ihren Plätzen sitzen. Ältere Herrschaften, auch die Sitzplatzverteidiger gehen gelangweilt aus dem Zelt, die Strickjacken ordnend. Zu Strafe tanze ich den hinter mir Stehenden etwas vor und als Entschuldigung für das lahme Publikum jubele und pfeife ich um so lauter. Ich nehme mir fest vor Capercaillie live bei einem Heimspiel in Aberdeen zu besuchen. Vielleicht sind die Schotten ja etwas wilder.

Capercaillie 1995, photo by The Mollis Vielleicht muss man sich ja auch ein wenig genauer mit den Dänen auseinander setzen, um das Völkchen zu verstehen. Dänemark ein kleines Land, das ein eigenwilliges Nationalbewusstsein entwickelt hat. Es ist ein Königreich und das Königshaus wird ziemlich geliebt. In anderen Völkern zeugt Nationalbewusstsein von einer großen Liebe für die Heimat. Deutsches Nationalbewusstsein ist immer verdächtig. Wer hier eine deutsche Fahne in seinem Gartenhäuschen hisst, bekommt Besuch von allen Seiten. In Dänemark lächelt der Gast über die Fahne, die über dem Zelt weht und stempelt das Völkchen als kauzig ab.

Samstagnachmittag. Die Karten gelten für beide Konzertzelte. Man kann also in Ruhe Telt-Hopping betreiben. Ich lande im kleinen Konzertzelt und schaue mir die dänische Gruppe ULC an. Über diese Gewinner des dänischen Music Awards 2001 habe ich bereits in einer Ausgabe der folkworld.de geschrieben. Live kommen sie ein bisschen ausgeschlafener daher, als auf ihrer CD "Spring". Besonders zu bemerken ist ihre Abscheu vor festen Linien. Sie haben sich einen Jazz-Pianisten in die Band geholt und brechen den traditionellen Sound aus Geige, Gitarre, Akkordeon auf. Ein sehr jazziges Pianosolo klingt auf einem Folkfest exotisch, aber wohltuend wachmachend. Auch der irische Däne oder dänische Ire Seamus Cahill, das C im Namen der Band, macht auf mich den Eindruck eines sehr umtriebigen Musikers, mit viel Sinn für unverbrauchte Ideen. Country-Sound mischt er in seine Lieder, gekonnt genug, um sie nicht amerikanisch klingen zu lassen, sondern wie importierte irische Erinnerungen an zu Hause.

Bemerkenswert ist der Fiddler Peter Uhrbrand, das U im Namen. Drei Zigarren raucht er im Laufe des Konzertes bis zum Stumpf herunter. Er qualmt sie, während er spielt und nur zwischen den Liedern klopft er die Asche herunter. Ein Raucher auf der Bühne ist die Horrorvision jedes Bühnentechnikers. Uhrbrand - wie passend der Name doch ist - genießt es sichtlich.

Nach ULC spielen alte Bekannte. Väsen habe ich bereits auf dem Tanz-und- Folk-Fest in Rudolstadt erlebt und auch damals kannte ich sie bereits von CD. Ihre Musik ist sehr skandinavisch. Sie spielen Geige, Nickelharpa - eine alte Version der Geige mit Tasten am Hals - Gitarre und Schlagzeug. Finster sehen sie auf ihren CD-Covers aus. Fröhliche junge Menschen, beinahe schüchtern sind sie auf der Bühne. Es ist ein angenehmes, aber nicht aufregendes Konzert in dem nicht gerade überfüllten Zelt.

Väsen Rudolstadt 1999, photo by The Mollis Der dritte im Bunde der Nachmittagsmusiker ist Jerry Holland. Er ist ein Geiger vom Cape Breton an der kanadischen Atlantikküste. Von dort stammt auch Natalie MacMaster, die junge vitale Hopsgeigerin. Jerry Holland ist alles andere als vital. Er sitzt auf seinem Stuhl und geigt. Das tut er mit Wonne und er ist ein Meister seines Instrumentes. Auch die Mutti an der E-Orgel spielt ihren Part mit der Professionalität einer Kirchenorganisten. Perfekt, aber nicht unbedingt erweckend.

Es ist Nachmittag, es ist heiß und eine dänische Gelassenheit überkommt mich. Ich freue mich auf den Abend und wandere nach Sibirien. So heißt der entlegene Abschnitt, auf dem mein Zelt steht.

Das Folkfest findet in jedem Jahr am letzten Augustwochenende in der kleinen süddänischen Stadt T°nder statt. Das liegt kurz vor der Nordseeküste und wird auch wettermäßig von dort versorgt. Eigentlich ist es zu dieser Zeit häufig heiß, auch dieses Jahr war es so. Die beste Erfrischung liefert meiner Meinung nach ein schneller Duschvorgang. Andere lassen sich vom Erfrischungsgetränkehersteller Nummer 1 - Tuborg-Pilsner - verwöhnen. Was effektiver ist, kann ich nicht sagen, allerdings halte ich länger durch, als manch Tuborg-Erfrischter. Das erlebe ich am Abend im Zelt 1.

Bereits beim Auftakt, den die Gruppe Danú gibt, fallen die ersten Köpfe nach hinten über. Der Kopf, der vor einer jungen Frau neben mir ständig nach hinten fällt, ist behütet von einem schwarzen Cowboyhut. Die junge Frau jubelt den Iren mittels lauten Pfiffen zu. Der Hutkopf erschrickt und rutscht nach vorn. Danú werden etwas mehr gefeiert, als am Abend zuvor.

Hinter mir sitzt eine Horde Schwaben. Sie ist wegen der folgenden Band nach Tønder gekommen. De Dannan, samt special Guest Dolores Keane. Diese Band ist das Gegenteil der jungen spritzigen Band Scrüj MacDukh, die ich am vorhergehenden Abend erlebte. Sie sind überaus professionell, bewegen sich nicht mehr, als die Bedienung ihrer Instrumente nötig macht und haben musikalische Arrangements schon vor Jahren gegen Geschwindigkeitsrekorde auf ihren Instrumenten eingetauscht. In jeder Kneipe, wären sie ein guter Aufmerksamkeitsfänger. Hier freuen sich ebenfalls viele Leute im Publikum, nicht zuletzt die Sozialpädagogen hinter mir. Ich langweile mich ein wenig und suche mir einen Festival-Burger.

La Bottine Souriante Glasgow 1999, photo by The Mollis Als ich wiederkomme, spielen De Dannan immer noch. Sie sind allerdings ruhiger geworden und begleiten den rauchigen Gesang von Dolores Keane. Das klingt professionell, aber auch etwas langweilig.

Und dann ist es Mitternacht. Die derzeit aufregendste Liveband betritt den Saal und der Zeremonienmeister Yves Lambert, der der Kopf von La Bottine Souriante ist, hat mit dem ersten Takt das ganze Zelt unter seiner Kontrolle.

La Bottine Sourante kommen aus Quebec in Kanada. Ihr Name ist Synonym für ausgelassenen tanzbaren Folk, er bedeutet: "Der lachende Stiefel". Symbolischer kann man kaum heißen. Die Gruppe feiert ihr 25jähriges Bestehen in diesem Sommer. In diesen 25 Jahren haben sie eine interessante Entwicklung vollzogen. Sie fingen einst an, als kleine Gesangstruppe, die Wechselgesänge vortrug und sie mit der typischen Fußpercussion Quebecs untermalte. Mit der Zeit kamen neue Bandmitglieder dazu, die Liebe zu ausgeklügelten Arrangements wuchs und schließlich wagten sie sich einen unerhörten Schritt nach vorn, als sie einen spritzigen Bläserchor einbanden. Von der streng traditionellen Linie zum Fusionfolk. Die Jazz-Elemente untermalen die francophonen und keltischen Roots auf unnachahmliche Weise und macht La Bottine Souriante einzigartig.

Tonder LogoIhre Musik geht jedem musikalisch halbwegs empfänglichen Menschen unweigerlich in die Beine. Die Sozialpädagogen hinter mir verziehen sich mit der angewiderten Bemerkung: "Das ist ja Jazz!" Ich begebe mich hinab in einen betanzbaren Freiraum. Für einen kurzen Moment kann ich die Band noch sehen, aber nach wenigen Liedern steht das gesamte Publikum, einige davon sogar auf den Stühlen. In welcher Liga muss eine Band spielen, die in der Lage ist, sogar die tanzfaulen Dänen dazu zu bringen, auf den Stühlen zu tanzen? La Bottine scheint diese Herausforderung zu lieben. Sie treten bereits das vierte Mal in Tønder auf und jedes Mal sind sie einer der Höhepunkte.

Als ich um 2 Uhr das Zelt verlasse, sehe ich trotzdem zwei vom erfrischenden Tuborg-Øl dahingeraffte Männer, mit verschränkten Armen auf ihren Stühlen sitzen und schlafen. Draußen dringt noch Musik aus einem Bierzelt. Ich dusche noch rasch und wandere wieder nach Sibirien. Mein Zelt liegt in einer Senke und die ist voller Nebel. Nur das Dach ist noch zu erkennen. Glücklich, wer jetzt eine Fahne gehisst hat.

Der Morgen bringt ein heftiges Gewitter. Es kommt ganz plötzlich von der Nordsee herüber, mit starkem Regen und Blitzen. Doch so plötzlich, wie es aufzieht, ist es auch wieder verschwunden. Gegen Mittag drückt die Sonne wieder, wie an den anderen Tagen und die Luft in den Konzertzelten gleicht der eines Waschhauses. Ich kaufe mir eines der interessantesten Nebenprodukte des Folkfestes, einen CD-Öffner, der mit einem schnellen Schnitt lästige Plastikfolien entfernen kann. Danach laufe ich ein bisschen durch die Stadt. In der Fußgängerzone stehen ein paar kleiner Bühnen, viele Stände mit allerhand Schnickschnack, Eisläden mit dem dänischen Softeis, einem der leckersten Softeis, die ich kenne. Vor einigen Läden spielen Strassenmusikanten. Ein junger Mann schaut aus einem weit geöffneten Fenster und veranstaltet sein eigenes Festival. Zur aufgedrehten Stereoanlage tanzt er und singt laut: "Y.M.C.A.".

Allan Taylor and Ian Mackintosh, Tonder 1997, photo by The MollisAuf dem Festivalgelände erwartet mich noch einmal ein nachmittägliches Telthopping. Während vor dem Zelt 1 eine lange Schlange darauf wartet erneut De Dannan und La Bottine zu sehen, umgehe ich das Anstehen und verschwinde im kleineren Zelt 2. Im großen Zelt spielen die Größen. Von denen erwartet man Heldentaten. Im kleinen Zelt sorgen indes die weniger großen Künstler für Überraschungen.

Der Sonntagnachmittag ist reserviert für eine Veranstaltung namens Ceilidh. Ein paar Bands bekommen feste aber kurze Bühnenzeiten zugesprochen, sollen aber nach Möglichkeit ein paar Freunde mit auf die Bühne bringen. Das sich Musiker auf einem Festival sehr schnell Freund werden, ist die Bühne auch vom ersten Moment überfüllt. Unter der Leitung des englischen Concertina-Spielers Alistair Anderson haben sich die wildesten Bandkombinationen zusammengefunden. 40 Musiker aus insgesamt 10 Bands lassen eine Lokomotive abfahren, die offensichtlich mit konzentrierten Koffein-Briketts beheizt wird.

Tatsächlich verraten die Musiker, dass sie bis gegen 7 Uhr morgens geprobt haben. So liefert sich unter anderem der Banjospieler der kanadischen Band Scrüj MacDukh ein Duell mit dem amerikanischen Banjostar der Gruppe "Bluegrass ect". Der Amerikaner ist gut, der Kanadier ist besser. Fast die gesamte englische Newcomerband 422 ist auf der Bühne, alles junge Menschen, die erst in den achtziger Jahren zur Welt kamen. Die beiden Fiddlerinnen geben das Tempo vor und bekommen sehr schnell rote Bäckchen. Der Schlagzeuger der Oysterband steht grinsend im Hintergrund und trommelt. Akkordeon, Concertina, Gitarre und Mandoline, Flöte und Pipes, alles ist vertreten und liefert sich eine akustische Schlacht der Elemente.

Ron Kavana und Karen Casey, Tonder 1998, photo by The Mollis Zum Luftholen kommen Allan Taylor und Bluegrass ect. auf die Bühne. Seamus Cahill von ULC singt auch eine getragene Countrynummer und die wunderbare Karen Casey singt mit ihrer Band ganz entzückende Lieder, die Lust auf mehr Karen Casey machen. Nach diesen Ruhepausen, die trotzdem stark mit Applaus bedacht werden, kommt wieder ein Tross von Musikern aus allen Bands. Neben der Bühne versucht sich ein Techniker nicht mal schlecht als irischer Steptänzer.

Der irische Sänger und Gitarrist Ron Kavana funktioniert nebenher als eine Art Animator. Dieser kleine dicke Mann grinst über das ganze Gesicht, hüpft und holt aus dem Publikum eine Laola-Welle nach der nächsten raus. Fragt sie, ob sie schlafen wollen, dann sollen sie ins Zelt 1 gehen und sorgt dafür, das keiner mehr sitzen bleibt. Und da merke ich, dass das dänische Publikum doch recht begeisterungsfähig ist. Man muss es ihnen nur sagen.

Carlos Nunez und Paddy Keenan Tonder 1999, photo by The Mollis Diese Jam-Session ist ein Konzert, wie ich es in dieser Art noch nicht erlebt habe. Erst im Nachhinein, beim Recherchieren in den Archiven des Tønder-Festivals stelle ich fest, das so manche fruchtbare Zusammenarbeit hier seinen Ursprung gehabt haben muss. So haben sich die Chieftains und La Bottine Souriante gefunden und das Projekt "Fire in de Kitchen" angeschoben. Auch die überaus fruchtbare Zusammenarbeit von Carlos Nu˝ez mit zahlreichen Größen der englischen Folkszene, wie Sharon Shannon und Mike Scott von den Waterboys, die sich auf der Nu˝ez-CD "Os amores libres" beeindruckend darstellt, lässt sich auf ein Tønder-Festival zurückführen. Das Tønder-Folkfest scheint ein für die Folkszene sehr belebendes Ereignis zu sein. Nicht umsonst lebt es bereits 27 Jahre.

Was das Tanz-und-Folk-Fest Rudolstadt in diesem Jahr bei mir nicht vermochte, nämlich die mentalen Akkus für den Rest des Jahres aufzuladen, hat Tønder nachgeholt. Trotz eines völlig anderen Konzeptes und dem fundamental anderem Publikum ist dieses Folkfest zurecht eines der größten und besten in Europa. Am ersten Juliwochenende den Sommereinklang in Rudolstadt beim Tanz und Folkfest zu zelebrieren und den langen Sommer am letzten Augustwochenende in Tønder mit Tuborg, dänischer Flagge vor dem Zelt und außergewöhnlich guten Konzerten zu verabschieden, scheint mir eine Kombination zu sein, die zur Tradition erhoben werden sollte.

Und vielleicht ist die ruhige, etwas piefige Art der Dänen, die Dinge zu betrachten, nur eine Art Schutz vor überbordenden Enthusiasmus. Wenn bis zum letzten Tag hervorragende Konzerte geboten werden, die fast ausnahmslos hohe Qualität haben, dann muss man vielleicht mit dem "Aus-dem-Häuschen-sein" haushalten. Von mir wird das Festival in diesem kleinen dänischen Ort sicher wieder heimgesucht werden.


Die Homepage des Tønder Folk Festivals findet sich unter www.tf.dk

Photo Credit: All photos by The Mollis.
(1) Capercaillie 1995 in Deutschland; (2) Danú auf dem Tønder Festival 2000; (3) Danú auf dem Tønder Festival 1998; (4) Capercaillie 1995 in Deutschland; (5) Väsen auf dem TFF Rudolstadt 1999; (6) La Bottine Souriante, Celtic Connections Glasgow 1999; (7) Allan Taylor und Ian Mackintosh auf dem Tønder Festival 1997; (8) Ron Kavana und Karen Casey auf dem Tønder Festival 1998; (9) Carlos Núñez und Paddy Keenan auf dem Tønder Festival 1999


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© The Mollis - Editors of FolkWorld; Published 9/2001

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